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Fritz
Riemann "Grundformen der Angst" |
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Sie
wollen endlich verstehen, warum ihr Partner oder Ihre Partnerin
auf "Freiheit in der Partnerschaft" besteht, wobei
Sie sich doch eine innige Zweisamkeit wünschen?
Sie möchten endlich nachvollziehen können, warum Ihr
Partner oder Ihre Partnerin nichts von Pünktlichkeit wissen
will, aber umso mehr Charme besitzt?
Lesen Sie hier über die vier Grundformen der Angst und Sie
werden sagen "Endlich kann ich dich verstehen!"
Fritz Riemann (*1902, †1979) war Mitbegründer
des Münchner Instituts für psychologische Forschung und
Psychotherapie und Ehrenmitglied der Academy of Psychoanalysis
in New York. Er veröffentlichte 1961 die tiefenpsychologische
Studie Grundformen der Angst. Riemann geht davon
aus, dass zwar alle Menschen individuelle Ängste haben,
daß es aber auch viele Ängste gibt, die allen Menschen
gemeinsam sind. So vielfältig demnach des Phänomen Angst
sich auch darstellt - es gibt praktisch nichts, wovor man nicht
Angst entwickeln kann - geht es doch meist immer um Varianten ganz
bestimmter Grundängste.
Die Existenz von Ängsten
ist weitgehend unabhängig von Kultur und Zeitalter,
was sich ändert sind lediglich die Angstobjekte. Waren
es früher Naturgewalten, die den Menschen Angst machten,
sind es heute Bakterien, Verkehrsunfälle oder Einsamkeit,
die Angst auslösen. Ängste sind dabei grundsätzlich
nichts Negatives, sondern sie lassen Menschen beispielsweise
auch über sich selbst hinaus wachsen.
Ursache aller Ängste
ist das Faktum, daß menschliches Leben und dessen
Gestaltung vier Grundforderungen unterliegt,
die einander antinomisch als polare Gegensätze zugeordnet
sind und sich so gleichzeitig ergänzen:
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- Wir sollen ein einmaliges Individuum
werden, unser Eigensein bejahen und uns gegen anderes Eigensein
abgrenzen
- Wir sollen uns der Welt, dem Leben
und den anderen Menschen vertrauend öffnen und uns auf
sie einlassen.
- Wir sollen Dauer anstreben, Pläne
machen, diese nachhaltig und zielstrebig verwirklichen
- Wir sollen uns wandeln, Veränderungen
und Entwicklungen durchmachen, Vertrautes und Gewohntes aufgeben.
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| Riemann erläutert
diese Notwendigkeiten und die damit verbundenen Ängste
anhand des Gleichnisses der vier Bewegungen der Erde: |
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- Die Erde dreht sich um die Sonne,
was er eine Revolution oder "Umwälzung" nennt.
Das Zentrum der Rotation liegt außerhalb der Erde.
Wenn diese Rotation von der Erde verneint werden würde, müßte
sie selbst zur Sonne werden und wäre der Mittelpunkt der Welt.
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- Dann dreht sich die Erde um die eigene Achse,
d.h., sie vollzieht also eine "Eigendrehung"
und hat somit das Zentrum der Rotation in sich. Wenn diese aufgegeben
werden würde, wäre die Erde nur noch der Mond von der Sonne
und würde unter deren Abhängigkeit stehen.
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- Die Schwerkraft, das Zentripetale, ist die
Kraft, die zur Mitte strebt, also nach innen. Gäbe es diese
nicht, würde die Erde auseinanderbrechen.
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- Die Fliehkraft, das Zentrifugale, ist die
Kraft, die der Mitte flieht, also nach aussen strebt.
Ohne diese würde die Erde erstarren und wäre zur Unveränderlichkeit
verdammt.
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| Riemann nimmt nun an, dass diese vier Bewegungen
unbewussten Triebkräften und latenten Forderungen des
Menschen entsprechen, die sich alle als Ängste unseres
Lebens manifestieren: |
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- die Angst vor der Selbsthingabe, als Ich-Verlust und
Abhängigkeit erlebt
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- die Angst vor der Selbstwerdung, als Ungeborgenheit
und Isolierung erlebt
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- die Angst vor der Wandlung, als Vergänglichkeit
und Unsicherheit empfunden
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- die Angst vor der Notwendigkeit, als Endgültigkeit
und Unfreiheit erlebt
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Aus
den vier Grundformen der Angst lassen sich vier Persönlichkeitsstrukturen ableiten.
Personen, deren grundlegendes Problem die Angst vor der Hingabe
ist, werden zu schizoiden Persönlichkeiten, die die
Selbstbewahrung überbewerten. Die Angst vor der Selbstwerdung
kann zur depressiven Persönlichkeitsstruktur führen.
Bei den zwanghaften Persönlichkeiten wird die Angst
vor der Wandlung zur dauerhaften Sorge. Aus der Angst vor
der Notwendigkeit kann schließlich eine hysterischer
Persönlichkeitstyp entstehen. Jeweils zwei Angstformen
sind zu einem Gegensatzpaar zusammengefasst, die sich gegenüber
stehen. Das erste Angst-Paar besteht aus der Angst des depressiven
und des schizoiden Menschen, das zweite aus der Angst des
zwanghaften und des hysterischen Menschen.
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Der depressive Mensch: |
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Die
Erde umkreist die Sonne. Das Zentrum der Rotation liegt
ausserhalb der Erde. Genau dieser Effekt tritt
auch bei einigen menschlichen Persönlichkeiten
auf: Sie rotieren im übertragenen Sinne um
andere Menschen herum. Dabei versuchen sie die Rotation
um sich selbst herum so weit wie möglich zu unterbinden.
Diese Menschen sind im weitesten Sinne als Gruppenmenschen zu
bezeichnen. Die zugrundeliegende Angst ist die
Angst vor der Selbstwerdung, die als Ungeborgenheit
und Isolation erlebt wird. Die gefühlsmäßige
Trennung von seiner sozialen Umwelt bedeutet für
ihn einen kleinen Tod. "Ich will nicht alleine
sein"
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Der schizoide Mensch: |
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Die
Erde rotiert um sich selbst und hat somit das Zentrum
der Rotation in sich. Übertragen auf die
menschliche Psyche bedeutet dies, daß der betroffene
Mensch mit seinen Gedanken und Gefühlen um sich
selbst kreist; dabei versucht er die Rotation um andere
Menschen so weit wie möglich zu vermeiden. Hier
finden wir häufig Einzelgänger. Seine
typische Grundangst liegt darin, dass er sich vor der
Selbsthingabe fürchtet, die er als Ich-Verlust
und Abhängigkeit erlebt. Ein Ich-Verlust bedeutet
für ihn nichts anderes als ein psychologischer
Tod. "Ich kann niemandem vertrauen."
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Der zwanghafte Mensch |
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Der
zwanghafte Mensch strebt die Dauer an, möchte
sich in dieser Welt häuslich niederlassen und
die Zukunft planen. Sein Wunsch ist eine feste, verläßliche,
Zukunft. So wie die Zentripetalkraft möchte
er alles verdichten, auf das es sich nicht mehr bewegt,
damit eine Stabilität gegeben
ist. Seine Angst betrifft die Vergänglichkeit,
das Irrationale und Unvorhergesehene. Alles Neue ist
für ihn ein Wagnis und planen ins Ungewisse ist
ihm ein Greuel. In seinem Erleben ist die Vergänglichkeit
gleich einem Tod.
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Der hysterische Mensch |
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Er
ist immer bereit, sich zu wandeln, Veränderungen
und Entwicklung zu bejahen, Vertrautes aufzugeben und
alles nur als einen Durchgang zu erleben. Das
Neue hat für ihn einen unwiderstehlichen Reiz,
das Unbekannte zieht ihn magisch an. Der hysterische
Mensch lebt im "Hier und Jetzt";
was gestern war oder morgen sein wird kümmert
ihn nur wenig. Damit verbunden ist die Angst vor Ordnung,
Notwendigkeiten, Regeln und Festlegungen. Sein Freiheitsdrang schlägt
um in die Angst vor dem Tod als Erstarrung.
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Da
sich diese Grundängste nie gänzlich
vermeiden lassen und sie auch wichtig für unsere Entwicklung
sind, "bezahlen" wir jeden Versuch, ihnen auszuweichen,
mit vielen kleinen, banalen Ängsten. In der Verschiebung,
Verharmlosung und karikierenden Verzerrung der Daseinsängste
erscheinen diese neurotischen Ängste manchmal
als unsinnig, dennoch sollten sie als Alarmzeichen und Hinweis
verstanden werden, dass wir auf irgendeine Weise etwas Unvermeidliches
vermeiden wollen, anstatt uns damit auseinander zu setzen.
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Partnerschaften und Partnerwahl:
Gegensätze ziehen sich an! |
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Diese Typologie
spielt auch bei Partnerschaften und in der Partnerwahl eine
grosse Rolle, wobei das Grundproblem darin liegen kann, dass
in solchen Beziehungen die Tendenz besteht, die ohnehin vorhandene
Grundtendenzen des Typus noch zu verstärken.
Wenn sich schizoide und depressive
Partner anziehen, dann ahnt möglicherweise
der Schizoide instinktiv die Liebesbereitschaft und
Liebesfähigkeit des Depressiven, seine Opferbereitschaft,
sein einfühlendes ich-Bemühen. Hier kann
er sich aufgehoben fühlen. Andererseits fasziniert
den Depressiven am Schizoiden, daß dieser etwas
lebt, was er sich nicht zu leben gewagt hat: unabhängiges
Individuum zu sein, ohne Verlustangst und Schuldgefühle.
Zugleich spürt er, daß hier jemand ist,
der seine Liebesbereitschaft dringend braucht. Eine
solche Konstellation kann gelingen aber auch in die
Katastrophe führen, denn wenn sich der Schizoide
zu sehr eingeengt fühlt, wird er sich zu lösen
versuchen, was dazu führt, daß der Depressive
sich vernachlässigt fühlend näher an
den Schizoiden herankommen möchte.
Wenn sich zwanghafte und hysterische
Partner instinktiv anziehen, dann fasziniert
den Zwanghaften die Buntheit, Lebendigkeit, die Risikofreudigkeit
und die Aufgeschlossenheit des hysterischen Gegentypus,
denn er selbst erlebt sich häufig als unnötig
eingeengt. Der Hysterische wiederum ist fasziniert
vom Zwanghaften aufgrund dessen Ruhe, Stabilität,
Solidität, der Konsequenz und Verläßlichkeit,
die ihm selber so fehlen. Diese Konstellation kann
kritisch werden, wenn der Zwanghafte sich ebenso behaupten
möchte wie der Hysterische, wobei der Zwanghafte
immer pedantischer und der Hysterische immer sprunghafter
wird, weil er den Eindruck hat, der Zwanghafte möchte
ihm den Freiraum, den er zum Atmen braucht, wegnehmen.
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Quellen:
Riemann, Fritz "Grundformen der Angst" ; München: Ernst-Reinhardt-Verlag. |
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