" Wer nach aussen schaut, träumt.
Wer nach innen schaut, erwacht."
Carl Gustav Jung
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  Angewandte Lebensphilosphie nach Bert Hellinger
Einführung in das systemische Denken
   
  Himmel und Erde
 
Was hier über den Himmel gesagt wird, beschreibt, was in der Schicksalsgemeinschaft von Familie und Sippe zu schweren Krankheiten führt oder zu Unfällen und Selbstmord und was über die Erde gesagt wird, das will beschreiben, was solche Schicksale manchmal noch wendet.
Zu schweren Krankheiten oder zu Unfällen und Selbstmord in der Familie und Sippe führen Vollzüge, die sich verbinden mit Bildern vom Himmel, von stellvertretendem Leid und stellvertretender Sühne, vom Wiedersehen nach dem Tod und von persönlicher Unsterblichkeit. Diese Bilder verführen zu magischem Denken und Wünschen und Handeln, so dass der Kranke oder der Sterbende meint, er könne durch freiwillig übernommenes Leiden andere von ihrem Leiden, auch wenn es sie schicksalhaft heimsucht, erlösen.
   

  Die Schicksalsgemeinschaft
  Zur Schicksalsgemeinschaft, in der dieses Denken unheilvoll wirkt, gehören:
 
  • die Geschwister
 
  • die Eltern und ihre Geschwister
 
  • die Eltern und ihre Geschwister
 
  • die Grosseltern
 
  • manchmal noch der eine oder andere der Urgrosseltern
 
  • und alle, die für einen von diesen Platz gemacht haben
   
  Zu denen, die Platz gemacht haben, gehören:
 
  • frühere Ehepartner von Eltern und Grosseltern oder ehe ähnliche Partner, zum Beispiel frühere Verlobte
 
  • und es gehören dazu alle, deren Weggang oder Unglück anderen den Zugang
    zu dieser Gruppe eröffnet oder ihnen sonst einen Vorteil verschafft hat.
   

  Die Bindung und ihre Folgen
  In dieser Schicksalsgemeinschaft sind alle an alle gebunden.
Am stärksten wirkt die Schicksalsbindung
 
  • von den Kindern zu ihren Eltern
 
  • die Elftern und ihre Geschwister
 
  • und zwischen Mann und Frau
 
Eine besondere Schicksalsbindung entsteht auch von den später Dazugekommenen zu denen, die für sie Platz gemacht haben, insbesondere wenn diese ein schweres Schicksal hatten: Zum Beispiel zwischen den Kindern aus der zweiten Ehe eines Mannes gegenüber seiner ersten Frau, die im Kindbett starb.
Sie wirkt weniger stark von den Eltern zu den Kindern und am wenigsten von denen, die Platz gemacht haben, zu denen, die ihnen auf diesen Platz folgten:
Zum Beispiel von einer früheren Verlobten des Mannes zu seiner späteren Frau.
   

  Ähnlichkeit und Ausgleich
 
Die Bindung bewirkt, dass die Späteren und Schwächeren die Früheren und Stärkeren festhalten wollen, damit sie nicht gehen, oder wenn sie schon gingen, dass sie ihnen nachfolgen wollen.
Die Bindung bewirkt ferner, dass jene, die den Vorteil haben, denen, die im Nachteil sind, ähnlich werden wollen. So wollen die gesunden Kinder ihren kranken Eltern ähnlich werden und unschuldige Kleine den schuldigen Grossen.
Und die Bindung bewirkt, dass sich die Gesunden für die Kranken verantwortlich fühlen, die Unschuldigen für die Schuldigen, die Glücklichen für die Unglücklichen und die Lebenden für die Toten. Daher sind jene, die den Vorteil haben, auch bereit, ihre Gesundheit und Unschuld und ihr Leben und Glück für die Gesundheit und die Unschuld und das Leben und Glück der anderen aufs Spiel zu setzen und preiszugeben. Denn sie hegen die Hoffnung, dass sie durch den Verzicht auf das eigene Leben und auf das eigene Glück das Leben und dass Glück von anderen in dieser Schicksalsgemeinschaft sichern oder retten können. Und sie hoffen, dass sie das Leben und dass Glück von anderen, auch wenn es schon verloren ist, wiedergewinnen und wiederherstellen können. In der Schicksalsgemeinschaft von Familie und Sippe herrscht also aufgrund der Bindung und der Bindungsliebe ein unwiderstehliches Bedürfnis nach Ausgleich
 
  • zwischen dem Vorteil der einen und dem Nachteil der anderen
 
  • zwischen dem Vorteil der einen und dem Nachteil der anderen
 
  • zwischen der Gesundheit der einen und der Krankheit der anderen und
 
  • zwischen der einen Leben und der anderen Tod.
 
Aus diesem Bedürfnis heraus will der eine, wenn ein anderer unglücklich wurde, auch unglücklich werden; wenn ein anderer krank wurde oder schuldig wird ein Gesunder oder Unschuldiger auch krank oder schuldig und wenn ein Nahestehender starb will es ein ihm nahestehender Lebender auch.
Es kommt also innerhalb dieser engen Schicksalsgemeinschaft durch Bindung und Ausgleich zur Angleichung und zur Teilhabe an der anderen Schuld und Krankheit und der anderen Schicksal und Tod; und es kommt zum Versuch für der anderen Heil mit eigenem Unheil für der anderen Heilung mit eigener Krankheit für der anderen Unschuld mit eigener Schuld oder Sühne und für der anderen Leben mit dem eigenen Tod zu bezahlen.
   

  Die Krankheit folgt der Seele
 
Da also dieses Bedürfnis nach Gleichwerden und Ausgleich Krankheit und Tod gleichsam herbeiwünscht folgt die Krankheit der Seele. Es braucht deshalb zur Heilung neben der ärztlichen Hilfe im engeren Sinn auch seelenkundige Hilfe, sei es dass der Arzt selber beides verbindet, sei es dass ein anderer seelsorgend das ärztliche Tun unterstützt. Doch während der Arzt sich bemüht die Krankheit behandelnd zu heilen hält sich ein seelsorgender HeIfer eher zurück, denn staunend steht er vor Kräften mit denen sich messen zu wollen ihm anmassend erscheint. Und so bemüht er sich im Einklang mit ihnen das schlimme Schicksal zu wenden und mehr ihr Verbündeter denn ihr Gegner zu sein. Dazu ein Beispiel.

"Lieber ich als du"
Eine junge Frau mit multipler Sklerose sah während einer Hypnotherapie in einer Gruppe wie sie als Kind vor dem Bett der gelähmten Mutter kniete und sich vornahm: “Liebe Mama Lieber ich als du.” Für die Teilnehmer der Gruppe war es bewegend, Zeuge zu sein wie sehr ein Kind seine Eltern liebt und die junge Frau fühlte sich anschließend im Frieden mit sich und mit ihrem Schicksal. Eine Teilnehmerin aber konnte diese Liebe die bereit war für die Mutter Krankheit und Schmerzen und Tod zu übemehmen nicht länger ertragen. Sie sagte dem Gruppenleiter: “Ich wünsche mir so sehr dass du ihr helfen kannst” . Der Gruppenleiter war bestürzt. lhm war, aIs hätte sie alles wieder zunichte gemacht.
Denn wie dürfte jemand es wagen, die Liebe des Kindes zu behandeln als etwas, das schlimm ist. Würde er die Seele des Kindes nicht kränken und seine Leiden eher verschlimmern, statt sie zu lindern?
Würde das Kind seine Liebe zur Mutter nicht um so heimlicher hüten und sich nicht um so fester an seine Hoffnung klammem und an den einmal gefassten Entschluss, durch eigenes Leid die geliebte Mutter zu retten?


Dazu noch ein anderes Beispiel
Eine junge Frau, ebenfalls an multipler Sklerose erkrankt, stellte in einer Gruppe mit Hilfe der Gruppenmitglieder ihre Herkunftsfamilie und das in ihr wirkende Beziehungsgeflecht dar. Es standen da also die Mutter und links von ihr der Vater. Ihnen gegenüber stand die Patientin als das älteste Kind, links neben ihr der jüngere Bruder, der mit vierzehn Jahren an Herzversagen verstarb, und links neben ihm noch das jüngste Kind, wieder ein Bruder.
Der Gruppenleiter schickte nun den Stellvertreter des verstorbenen Bruders zur Tür hinaus, was in einer solchen Aufstellung das Sterben bedeutet. Als er draussen war, hellte sich das Gesicht der Tochter schlagartig auf, und auch der Mutter ging es wesentlich besser. Dann schickte der Gruppenleiter den jüngsten Bruder hinaus und danach den Vater, denn er hatte bemerkt, dass auch sie es hinauszog. Als die Männer alle draussen waren - was heisst, dass sie alle tot waren -, richtete sich die Mutter triumphierend auf, und es wurde deutlich, dass sie es war, die sich dem Tod verfallen wusste - aus was für Gründen auch immer -, und wie sehr es sie erleichterte, dass andere bereit und willig waren, an ihrer Statt den Tod auf sich zu nehmen.
Danach rief der Gruppenleiter die Männer wieder zurück und schickte die Mutter hinaus. Plötzlich fühlten sich alle von der Verpflichtung zur Teilhabe am Schicksal der Mutter befreit, und es ging ihnen gut.
Der Gruppenleiter aber hegte den Verdacht, dass auch die multiple Sklerose der Tochter im Zusammenhang mit der Verpflichtung der Mutter zum Tod stand. Daher rief er die Mutter zurück, stellte sie links neben den Vater und stellte die Tochter neben die Mutter.
Er sagte der Tochter, sie solle die Mutter mit Liebe anschauen und ihr in die Augen und ins Angesicht sagen: “Mami, ich mache es für dich!” Als sie es sagte, strahlte sie über das ganze Gesicht, und der Sinn und das Ziel ihrer Krankheit wurde allen Beteiligten klar.
Was also darf hier der Arzt oder ein Seelsorger tun, und vor was muss er sich hüten?
   

  Die wissende Liebe
 
Die Liebe des Kindes ans Licht zu bringen, das ist oft alles, was ein wissender Helfer tun kann und tun darf. Was immer ein Kind auch um dieser Liebe willen auf sich genommen hat, es weiss sich im Einklang mit seinem Gewissen und fühlt sich erhaben und gut. Doch wenn mit Hilfe eines verständigen Helfers die Liebe des Kindes ans Licht kommen durfte, kommt vielleicht auch ans Licht, dass das Ziel dieser Liebe unerfüllbar bleibt.
Denn es ist eine Liebe, die hofft...
 
  • sie könne durch ihre Opfer die geliebte Person heilen,
 
  • sie vor Unheil bewahren,
 
  • ihre Schuld vielleicht sühnen und sie dem Unglück entreissen;
 
  • und sie hofft, dass sie die geliebte Person, wenn sie schon tot ist, von den
    Toten wieder zurückholen kann.
 
Wenn aber mit der kindlichen Liebe auch ihre kindlichen Ziele offenbar werden, wird sich vielleicht das nun erwachsene Kind, wenn auch mit Schmerzen, bewusst, dass es mit seiner Liebe und seinen Opfern der anderen Krankheit und Schicksal und Tod nicht überwindet, sondern dass es sich ihnen machtlos und mutig stellen und ihnen so, wie sie sind, zustimmen muss. Die Ziele der kindlichen Liebe und die Mittel, sie zu erreichen, werden also, wenn sie am Licht sind, ent-täuscht, denn sie gehören zu einem magischen Weltbild, das vor dem Wissen des Erwachsenen nicht mehr besteht. Doch die Liebe, sie bleibt bestehen. Ans Licht gebracht, sucht sie nach Wegen, die auch im Licht sich bewahren.
Dann sucht die gleiche Liebe, die krank macht, wenn sie sich mit Einsicht verbindet, eine andere, eine wissende Lösung und hebt so das Krankmachende, wenn das noch möglich ist, auf. Hier können der Arzt und andere Helfer vielleicht Richtungen weisen. Doch nur, wenn die Liebe des Kindes, weil von ihnen gesehen, am Licht bleiben und, weil von ihnen gewürdigt, sich Neuem und Grösserem zuwenden kann.
   

  "Schwindsucht"
 
Oft erkennen wir als Bedingung für eine lebensgefährliche Krankheit den Entschluss des Kindes gegenüber einer geliebten Person:
“ Lieber verschwinde ich als du.”

Bei der Magersucht heisst der Entschluss:
“ Lieber verschwinde ich als du, mein lieber Papa.”

Bei der multiplen Sklerose hiess er in unserem Beispiel:
Lieber verschwinde ich als du, liebe Mama.”
Eine vergleichbare Dynamik gab es früher bei der Tuberkulose, die vielleicht deswegen doppeldeutig Schwindsucht hiess. Und es gibt diese Dynamik auch bei Selbstmord und tödlichem Unfall.
   

  “Auch wenn du gehst, ich bleibe”
 
Wenn nun im Gespräch mit dem Kranken diese Dynamik ans Licht kommt: Was wäre die helfende und heilende Lösung? Wie bei jeder guten Beschreibung eines Problems ist die Lösung bereits in der Beschreibung enthalten und durch die Beschreibung schon wirksam. Sie beginnt, wenn der krankmachende Satz ans Licht gebracht und vom Patienten mit der ganzen Kraft der Liebe die ihn bewegt, der geliebten Person ins Angesicht gesagt und zugesagt wird: “Lieber verschwinde ich als du! Dabei ist es wichtig, den Satz so oft wiederholen zu lassen, bis die geliebte Person als Gegenüber erkannt und trotz aller Liebe als vom eigenen Ich getrennt, wahrgenommen und anerkannt wird. Sonst bleiben die Symbiose und die Identifizierung aufrechterhalten, und die heilende Unterscheidung und Trennung misslingt.
Wo das liebende Sagen des Satzes gelingt, zieht er eine Grenze sowohl um die geliebte Person als auch um das eigene Ich und trennt das eigene Schicksal vom Schicksal der geliebten Person. Und der Satz zwingt, nicht nur die eigene Liebe zu sehen, sondern auch die Liebe der geliebten Person. Und er zwingt zu erkennen, dass, was der Liebende an Stelle der geliebten Person mochte, diese eher belastet, als dass es ihr hilft. Dann ist es auch Zeit, der geliebten Person noch einen zweiten Satz zu sagen:
“Lieber Vater, liebe Mutter, lieber Bruder, liebe Schwester - oder wer immer es ist -, auch wenn du gehst, ich bleibe.”
Manchmal, vor allem wenn der Satz sich auf den Vater oder die Mutter bezieht, fügt der Patient noch hinzu:
“Lieber Vater, liebe Mutter, segne mich, auch wenn du gehst und ich noch bleibe”
Ich bringe dazu ein Beispiel. Der Vater einer Frau hatte zwei behinderte Brüder. Der eine war taub, der andere psychotisch. Ihn zog es zu seinen Brüdern, um aus Treue zu ihnen ihr Schicksal zu teilen, denn er hielt sein Glück neben ihrem Unglück nicht aus. Doch seine Tochter bemerkte die Gefahr und sprang in die Bresche. Sie stellte sich stellvertretend für ihn neben die Brüder und sagte dem Vater in ihrem Herzen:
Lieber Papa, lieber verschwinde ich zu deinen Brüder als du” und “Lieber Papa, lieber teile ich ihr Unglück mit ihnen als du”.
Sie wurde magersüchtig. Was aber wäre die Lösung für sie? Sie müsste die Brüder des Vaters bitten, wenn auch vielleicht nur innerlich:
“Segnet bitte meinen Vater, wenn er bei uns bleibt und segnet mich wenn ich bei meinem Vater bleibe.”

   

  “Ich folge dir nach”
 
Hinter dem Verschwindenwollen von Vater und Mutter, das vom Kind mit dem Satz “Lieber ich als du” verhindert werden soll, steht bei den Elftern oft ein anderer Satz.
Sie sagen ihn als Kinder ihren Eltern oder Geschwistern, wenn diese früh verstorben sind oder lange krank oder behindert waren. Der Satz heisst:
Ich folge dir nach”, oder genauer:
“ Ich folge dir nach in deine Krankheit”
oder:
“ Ich folge dir nach in den Tod.”

In der Familie wirkt also zuerst der Satz
Ich folge dir nach.” Auch er ist ein Kindersatz.
Doch wenn diese Kinder später selber Eltern sind, verhindern ihre Kinder, dass sie ihn erfüllen, und sagen dann: “Lieber ich als du.”
   

  “Ich lebe noch ein bisschen”
 
Wo der Satz “Ich folge dir nach" als Hintergrund von schwerer Krankheit oder von Unfällen und Selbstmordversuchen ans Licht kommt, wäre auch hier die helfende und heilende Lösung, dass der Satz vom Kind mit der ganzen Kraft der Liebe, die es bewegt, der geliebten Person ins Angesicht gesagt und zugesagt wird:
“ Lieber Vater, liebe Mutter, lieber Bruder, liebe Schwester - oder wer immer es ist -, ich folge dir nach.”

Auch hier ist es wichtig, den Satz so oft wiederholen zu lassen, bis die geliebte Person als Gegenüber gesehen und trotz aller Liebe als vom eigenen Ich getrennt, wahrge-nommen und anerkannt wird. Dann erkennt das Kind, dass seine Liebe die Grenze zwischen sich und der geliebten toten Person nicht überwindet und dass es vor dieser Grenze haltmachen muss. Auch hier zwingt der Satz, sowohl die eigene Liebe anzuerkennen als auch die Liebe der geliebten Person und zu begreifen, dass diese ihr Schicksal leichter trägt und erfüllt, wenn niemand sonst, vor allem nicht ein eigenes Kind, ihr darin folgt. Dann kann das Kind dem geliebten Toten auch einen zweiten Satz sagen, den eigentlichen, der es aus der Verpflichtung zur schlimmen Nachfolge entlasst und erlöst:
“Lieber Vater, liebe Mutter, lieber Bruder, liebe Schwester - oder wer immer es ist -, du bist tot, ich lebe noch ein bisschen, dann sterbe ich auch.” Oder:
“Ich erfülle, was mir geschenkt ist, solange es dauert: Dann sterbe ich auch.”
Wenn das Kind sieht, dass einer seiner Eltern jemandem aus seiner Herkunftsfamilie in Krankheit und Tod nachfolgen will, muss es sagen:
“Lieber Vater, liebe Mutter, auch wenn du gehst, ich bleibe” oder
Auch wenn du gehst, ich halte dich in Ehren, und du bleibst immer mein Vater, und du bleibst immer meine Mutter” oder, wenn sich einer der Elftern umgebracht hat,
“Ich verneige mich vor deiner Entscheidung und vor deinem Schicksal. Du bleibst immer mein Vater, und du bleibst immer meine Mutter; und ich bleibe immer dein Kind.”
   

  Der Glaube, der krank macht
 
Die beiden Sätze"Lieber ich als du" und "Ich folge dir nach" werden mit gutem Gewissen und mit der Gewissheit von Unschuld gesagt und vollbracht. Gleichzeitig entsprechen sie christlicher Botschaft und christlichem Vorbild, zum Beispiel dem Wort Jesu im Johannes-Evangelium: “Eine grössere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde” , und der Aufforderung an seine Jünger, ihm auf dem Weg des Kreuzes nachzufolgen bis in den Tod. Die christliche Lehre von der Erlösung durch Leiden und Tod und das Vorbild christlicher Heiliger und Helden bestätigen den Glauben und die Hoffnung des Kindes, es könnte stellvertretend für andere deren Krankheit und Unglück und Tod übernehmen. Oder es könnte, indem es Gott und dem Schicksal Gleiches für Gleiches bezahlt, durch die eigene Krankheit und das eigene Leiden andere von ihrer Krankheit und ihrem Leiden erlösen und sie durch den eigenen Tod ihrem Tode entriegeln. Oder es könnte, wenn ihm auf Erden keine Rettung gelingt, den ihm durch den Tod schon entrissenen Lieben auch nach dem Tode nochmals begegnen, indem es, wie sie, das Leben verliert und, wie es glaubt, durch den Tod wiederfindet.
   

  Die Liebe, die heilt
 
Heilung und Rettung liegen bei solcher Verstrickung jenseits von nur ärztlichem und therapeutischem Tun. Sie verlangen einen religiösen Vollzug, eine Bekehrung auf Grösseres hin, das über das magische Denken und Wünschen hinausgeht und es entmachtet. Dieses Grössere wäre - im Gegensatz zur trügerischen Verheissung des Himmels - die Erde. Wer die Erde bejaht, bejaht sowohl ihre Fülle als auch Anfang und Ende. Manchmal kann der Arzt oder Helfer einen solchen Vollzug vorbereiten und unterstützen. Der liegt aber nicht in seiner Macht und folgt nicht, wie der Ursache die Wirkung, einer Methode. Wenn er gelingt, verlangt er das Letzte und wird erfahren als Gnade.
   

  Krankheit als Sühne
 
Eine weitere Dynamik, die zu Krankheiten führt und zu Selbstmord, Unfall und Tod, ist der Wunsch nach Sühne für Schuld. Manchmal wird als Schuld angesehen, was schicksalhaft und unbeeinflussbar war, zum Beispiel eine Fehlgeburt oder die Krankheit oder Behinderung oder der frühe Tod eines Kindes. Dann hilft es, die Toten anzuschauen mit Liebe, sich der Trauer zu stellen und, was vorbei ist, in Frieden zu lassen.
Ist jemandem schicksaIhaft etwas zugestossen das anderen einen Schaden zugefügt und ihm einen Vorteil oder die Rettung oder das Leben gebracht hat wird es ebenfalls als Schuld erlebt, zum Beispiel wenn einem Kind bei seiner Geburt die Mutter stirbt. Es gibt aber auch die wirkliche, persönlich zu verantwortende Schuld, zum Beispiel wenn jemand ein Kind ohne Not weggegeben oder abgetrieben hat oder wenn er einem anderen rücksichtslos etwas Schlimmes abverlangt oder zugeftügt hat. Oft soll dann die schicksaIhafte und die persönliche Schuld durch Sühne getilgt werden, indem man für den zugefügten Schaden durch eigenen Schaden bezahlt, die Schuld mit der Sühne “verrechnet” und sie, wie man meint, so wieder ausgleicht.
Auch diese Vollzüge, so unheilvoll sie für alle Betroffenen sind, werden durch religiöse Lehren und Vorbilder gefördert, etwa durch den Glauben an erlösendes Leiden und Sterben und den Glauben an die Reinigung von Sünde und Schuld durch Selbstbestrafung und äusseres Leid.
   

  Der Ausgleich durch Sühne bringt doppeltes Leid
 
Eine weitere Dynamik, die zu Krankheiten führt und zu Selbstmord, Unfall und Tod, ist der Wunsch nach Sühne für Schuld. Manchmal wird als Schuld angesehen, was schicksalhaft und unbeeinflussbar war, zum Beispiel eine Fehlgeburt oder die Krankheit oder Behinderung oder der frühe Tod eines Kindes. Dann hilft es, die Toten anzuschauen mit Liebe, sich der Trauer zu stellen und, was vorbei ist, in Frieden zu lassen.
Ist jemandem schicksaIhaft etwas zugestossen das anderen einen Schaden zugefügt und ihm einen Vorteil oder die Rettung oder das Leben gebracht hat wird es ebenfalls als Schuld erlebt, zum Beispiel wenn einem Kind bei seiner Geburt die Mutter stirbt. Es gibt aber auch die wirkliche, persönlich zu verantwortende Schuld, zum Beispiel wenn jemand ein Kind ohne Not weggegeben oder abgetrieben hat oder wenn er einem anderen rücksichtslos etwas Schlimmes abverlangt oder zugeftügt hat. Oft soll dann die schicksaIhafte und die persönliche Schuld durch Sühne getilgt werden, indem man für den zugefügten Schaden durch eigenen Schaden bezahlt, die Schuld mit der Sühne “verrechnet” und sie, wie man meint, so wieder ausgleicht.
Auch diese Vollzüge, so unheilvoll sie für alle Betroffenen sind, werden durch religiöse Lehren und Vorbilder gefördert, etwa durch den Glauben an erlösendes Leiden und Sterben und den Glauben an die Reinigung von Sünde und Schuld durch Selbstbestrafung und äusseres Leid.
   

  Der Ausgleich durch Sühne bringt doppeltes Leid
 
Die Sühne stillt unser Bedürfnis nach Ausgleich. Doch wenn der Ausgleich durch Krankheit und Unfall oder durch Sterben gesucht wird, was wird dann wirklich erreicht? - Dann gibt es statt des einen Geschädigten zwei und statt des einen Toten noch einen zweiten. Schlimmer noch: Für die Opfer der Schuld ist die Sühne ein doppelter Schaden und ein doppeltes Unglück, weil durch ihr Unglück anderes Unglück genährt wird, aus ihrem Schaden noch weiterer Schaden erwachst und ihr Tod auch noch anderen Tod bringt. Und noch etwas ist zu bedenken. Die Sühne ist billig. Wie beim magischen Denken und Handeln das Heil für den anderen allein aus dem eigenen Unheil kommt, so dass eigenes Leiden für des anderen Rettung genügt, so ist es auch bei der Sühne. Leiden allein und Sterben allein soll genügen, ohne dass die Beziehung ins Auge gefasst wird und ohne dass der andere gesehen und, mit ihm im Blick, der Schmerz über sein Unglück gefühlt wird und ohne dass dann mit seiner Zustimmung und seinem Segen etwas für andere getan werden muss.
Auch bei der Sühne wird also mit Gleichem für Gleiches bezahlt. Auch hier wird das Handeln durch Leiden ersetzt, das Leben durch Sterben und die Schuld durch die Sühne, so dass auch hier Leiden und Sterben allein ohne Handeln und Leistung genügt.
Und wie durch die Sätze: “Lieber ich als du” und “lch folge dir nach”, wenn sie vollzogen sind, Unheil und Leiden und Tod nur noch grösser werden und mehr, so auch durch die vollzogene Sühne. Ein Kind, dessen Mutter bei seiner Geburt starb, fühlt sich ihr gegenüber immer in Schuld, weil sie mit ihrem Tod für sein Leben bezahlt hat.
Wenn nun das Kind dafür sühnt, indem es sich schlecht gehen lässt, das heisst, wenn es sich weigert, sein Leben auch um den Preis des Todes der Mutter zu nehmen, oder wenn es sich zur Sühne sogar das Leben nimmt, dann ist das Unglück für die Mutter doppelt schlimm. Dann wird das Leben, das sie ihm schenkte, vom Kind nicht genommen, und ihre Liebe und ihre Bereitschaft, ihm alles zu geben, werden vom Kind nicht geachtet.
Ihr Tod war dann umsonst, ja mehr noch, er hatte statt Leben und Glück zusätzliches Unglück gebracht, und statt der einen Toten gäbe es zwei. Wenn wir einem solchen Kind helfen wollen, müssen wir im Auge behalten, dass es sowohl einen Wunsch nach Sühne hat als auch den Wunsch: “Lieber ich als du” und “lch folge dir nach”. Wir können daher mit dem unheilvollen Wunsch nach Sühne nur dann heilend umgehen, wenn uns auch mit den Sätzen “Lieber ich als du” und “Ich folge dir nach” die heilende Lösung gelingt.
   

  Der Ausgleich durch Nehmen und versöhnendes Tun
 
Was wäre nun für dieses Kind eine Lösung, die ihm und seiner Mutter gemäss ist?
Das Kind müsste sagen:
“Liebe Mama, wenn du schon einen solch hohen Preis für mein Leben bezaht hast, dann soll es nicht umsonst gewesen sein; ich mach' was daraus, dir zum Andenken und dir zur Ehre.”

Dann aber muss das Kind handeln anstatt zu leiden, leisten statt zu versagen und leben anstatt zu sterben. Dann wäre es ganz anders mit der Mutter verbunden, als wenn es ihr nachfolgt in Unheil und Tod. Indem das Kind symbiotisch mit der Mutter vergeht, ist es nur dumpf und blind mit ihr verbunden. Wenn es aber, im Andenken an die Mutter und ihren Tod, etwas Leben Forderndes leistet, wenn es sein Leben nimmt und davon auch anderen gibt, dann ist es mit der Mutter ganz anders verbunden: Dann sieht es sich liebend ihr gegenüber. Denn wenn es sein Leben so nimmt und erfüllt, hat es die Mutter vor Augen und trägt sie im Herzen. Dann fliessen von der Mutter zum Kind Segen und Kraft, weil es aus Liebe zu ihr aus seinem Leben etwas Besonderes macht. Im Unterschied zum Ausgleich durch Sühne, der nur ein Ausgleich durch Schlimmes ist, durch Schaden und Tod, wäre dies ein Ausgleich im Guten. Im Unterschied zum Ausgleich durch Sühne, der billig ist und schadet und nimmt, ohne dass er dadurch versöhnt, ist der Ausgleich im Guten teuer. Doch er bringt Segen und bewirkt daher eher, dass sich die Mutter mit ihrem und das Kind mit seinem Schicksal versöhnt. Denn das Gute, das dieses Kind zum Andenken an seine Mutter vollbringt, geschieht ja durch sie. Sie hat durch ihr Kind Anteil daran und lebt und wirkt darin weiter. Das aber wäre im Unterschied zum magischen Ausgleich ein Ausgleich, wie er der Erde gemäss ist. Er folgt der Einsicht, dass unser Leben einmalig ist und dass es, indem es vergeht, dem kommenden Platz macht und, obwohl schon vergangen, das gegenwärtige nährt.
   

  Die Sühne ist Ersatz für Beziehung
 
Durch die Sühne vermeiden wir, uns der Beziehung zu stellen, denn durch die Sühne behandeln wir die Schuld wie eine Sache, bei der man für den Schaden mit etwas, das einem selbst etwas kostet, bezahlt. Doch was kann solche Sühne bewirken, wenn ich einem Menschen unrecht getan, ihn ins Unglück gebracht und ihm an Leib und Leben nicht zu ersetzenden Schaden zugefügt habe? Mich durch Sühne entlasten, indem ich mir schade, kann ich doch nur, wenn ich den anderen aus dem Auge verliere. Denn wenn ich ihn im Auge behalte, muss ich erkennen, dass ich durch Sühnen aufheben will, was notwendig bleibt.
Das gilt es auch bei der persönlich zu verantwortenden Schuld zu beachten. Oft sucht eine Mutter für eine Abtreibung oder den sonstigen Verlust eines Kindes mit einer tödlichen Krankheit zu sühnen oder damit, dass sie die Beziehung zum Mann und dem Vater des Kindes aufgibt und auf eine künftige Beziehung verzichtet.
Die Sühne für eine persönliche Schuld läuft auch unbewusst ab, entgegen ihrer Leugnung oder Erklärung durch das Bewusstsein. Manchmal kommt bei Müttern zum Bedürfnis nach Sühne auch noch der Wunsch hinzu, dem toten Kind nachzufolgen, so wie ein Kind seiner toten Mutter nachfolgen will. Doch auch ein durch die Schuld der Mutter ums Leben gekommenes Kind sagt, so dürfen wir ihm vielleicht unterstellen: “Lieber ich als du.” Wenn nun seine Mutter zur Sühne krank wird und stirbt, war der Tod des Kindes der Mutter zuliebe umsonst. Auch bei persönlicher Schuld ist die Lösung, die Sühne zu ersetzen durch versöhnendes Tun. Dies geschieht dadurch, dass ich der Person, der ich unrecht getan oder Schlimmes abverlangt und zugefügt habe, in die Augen schaue, dass zum Beispiel die Mutter ein abgetriebenes oder verleugnetes oder verlassenes Kind anschaut als ihr gegenüber und ihm sagt:
 
  • “Es tut mir leid” und
 
  • “Ich gebe dir jetzt einen Platz in meinem Herzen” und
 
  • “Ich mache es gut, so gut ich noch kann” und
 
  • “Du sollst Anteil haben am Guten, das ich im Gedenken an dich und mit dir
      vor Augen vollbringe”
 
Dann wäre die Schuld nicht umsonst, denn das Gute, das die Mutter - oder wer immer es ist - im Gedenken an dieses Kind und mit ihm vor Augen vollbringt geschieht ja mit dem Kind und durch das Kind. Es nimmt daran teil und bleibt mit der Mutter und ihrem Tun eine Zeitlang verbunden.
   

  Schuld geht auf der Erde vorbei
 

Noch etwas gilt es bei der Schuld zu beachten. Sie geht vorbei, und sie muss vorbeigehen dürfen. Nur vor dem Himmel gibt es eine ewige Schuld. Auf der Erde ist sie vergänglich und, wie alles auf ihr, nach einiger Zeit auch vorbei.

   

  Krankheit als stellvertretende Sühne
 

Schuld und Sühne werden in der Familie und Sippe häufig auch übernommen. Auch mit Bezug auf die Schuld und auf die Sühne sagt dann ein Kind oder ein Partner:
“ Lieber ich als du”
.
Sie übernehrnen, wenn andere sich weigrn, die Schuld und ihre Folgen. In einer Gruppe erzählte eine Mutter, sie habe sich geweigert, ihre Mutter im Alter zu sich zu nehmen, und habe sie stattdessen in ein Altersheim gegeben. In der gleichen Woche wurde eine ihrer Töchter magersüchtig, zog schwarze Kleider an und ging zweimal die Woche in ein Altersheim, um alte Leute zu pflegen. Doch niemand, auch nicht die Tochter, hat damals den Zusammenhang durchschaut.

   

  Krankheit als Folge von verweigertem Nehmen der Eltern
 

Eine weitere Haltung, die zu schweren Krankheiten führt, ist die Weigerung des Kindes, seine Eltern liebend zu nehmen und sie als seine Eltern zu ehren. Solche Kinder erheben sich über die Erde, weil sie sich vor einem Himmel oder sonst einem Höheren für besser und für auserwählt halten. Krebskranke zum Beispiel sterben manchmal lieber, als dass sie sich vor ihrer Mutter oder vor ihrem Vater verneigen.

   

  Ehren der Eltern ist Ehren der Erde
 

Wer an den Himmel glaubt, der glaubt vielleicht, er könne sich mit Hilfe des Himmels über die Erde und über die Eltern erheben. Ehren der Eltern aber ist Ehren der Erde. Die Eltern ehren heisst, sie nehmen und lieben, so wie sie sind, und die Erde ehren heisst, sie nehmen und lieben, so wie sie ist:
Mit Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit, mit Anfang und Ende.

Das aber ist der eigentliche religiöse Vollzug, den man früher Hingabe und Anbetung nannte. Wir erfahren ihn als äusserste Entäusserung, die alles nimmt und alles gibt –
mit Liebe.


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